Prolog

Der/die Unterzeichnende bestätigt Folgendes:

Es gibt keine mir bekannten Gesundheitsprobleme, die einem Bungee-Jump widersprechen. Ich bin fit und gerüstet.

Zugegeben, das ist Ansichtssache. Meiner Meinung nach verfüge ich mit hundertprozentiger Sicherheit nicht über die körperlichen Voraussetzungen dafür, kopfüber an einem Seil zu baumeln. Von einem Sport-BH mal ganz zu schweigen.

 

Ich springe auf eigenes Risiko und aus freiem Willen.

Wie kann es freier Wille sein, wenn ich an jemanden angekettet bin?

 

Ich bestätige, dass ich weder unter Alkohol- noch Drogeneinfluss stehe.

Gut, streng genommen sind Kopfschmerztabletten keine Drogen. Solange man sie nicht mit Alkohol mischt – was ich auch nicht getan habe.

Ich kann allerdings nicht verneinen, dass ich mir Mut angetrunken habe. Das ist aber auch irgendwie normal, oder?

 

Ich bestätige, den Instruktionen des Teams genau Folge zu leisten und keine Alleingänge auf dem Staudamm innerhalb des Absprungbereichs zu unternehmen.

Wer um Himmels willen würde denn freiwillig dort herumspazieren? Und was bedeutet: genau zu folgen? Habe ich überhaupt eine Chance, irgendwie aus der Sache rauszukommen?

 

Ich bestätige, dass mein angegebenes Gewicht der Wahrheit entspricht.

Das ist einfach: 64 Kilo.

 

Die Anzeige vor meinen Zehen zählt unaufhörlich weiter, bis sie bei 66,4 Kilo zum Stillstand kommt.

Reto, unser Instrukteur, wirft mir einen komischen Blick zu.

Gut, dann habe ich halt etwas geschummelt. Ich war panisch, na und? Außerdem bezweifle ich stark, dass irgendein Mensch in solch einer Situation noch rational denken kann. Als ob jemand in seinen letzten Minuten noch an sein Gewicht denken möchte.

Na also.

„Schon mal gesprungen?“

„Meine Freundin hier noch nie. Ich habe schon zwei Sprünge hinter mir.“

Lance ist so aufgeregt. Allerdings ist seine Aufregung nichts im Gegensatz zu meiner Nervosität. Die ich übrigens versuche zu überspielen. Es würde ja niemandem etwas nützen, wenn ich hyperventiliere, mir nicht und auch ganz bestimmt dem Jungen hinter mir nicht. Obwohl der einen ziemlich gelangweilten Eindruck macht.

Egal.

Ich muss cool bleiben. Ich werde es schon überleben. Ich habe ja schon anderes geschafft. Die Besteigung des einen Berges in Spanien zum Beispiel. (Ich habe zwar gelesen, dass es sich, rein geologisch, um einen Hügel handelt, aber wer schaut schon so genau hin.)

Wir rücken einen Schritt in der Schlange vor.

Langsam fangen meine Beine an zu zittern.

Vielleicht sollte ich mich einfach auf die Umgebung konzentrieren.

Genau.

In der Schweiz ist nämlich alles so friedlich. Die Sonne am Himmel, die grünleuchtenden Tannen, die zwitschernden Vögel, die Schlucht vor uns …

Ich habe mal irgendwo gelesen, dass Bungee-Jumping im Vergleich zu anderen Extremsportarten relativ sicher ist. Und dass, wenn man richtig gesund ist, praktisch nichts passieren kann. Also haben wir eine ziemlich hohe Chance, die Sache zu überleben.

„Nächste!“

Fiebrig folge ich Lance die wenigen Stufen auf die Plattform hoch und schaue zu, wie sich zwei Männer an unseren Sicherheitsgurten zu schaffen machen.

Ich weiß, dass ich nichts Negatives denken sollte.

So über das Sterben und so.

Aber angenommen, drei Prozent der Sprünge hier verlaufen nicht wie geplant. Weil es plötzlich anfängt zu winden oder man knallt gegen einen Vogel oder Ähnliches. Aber was wäre, wenn wir Bestandteil dieser drei Prozent wären? Das könnte doch gut möglich sein, oder?

Mein Magen zieht sich unangenehm zusammen, als der Mann die Schlinge um meine Knöchel festzurrt.

„Bitte springt in zwei Minuten, sonst müssen wir abbrechen. Viel Spaß.“

Zwei Minuten?

Okay, ich glaube, jetzt habe ich Panik.

Eigentlich bin ich kurz davor, ohnmächtig zu werden, denn hier geht es wirklich tief runter. So wirklich … richtig tief.

„Keine Angst, Babe. Mach dich einfach locker. Ich bin da.“ Lance reibt mir aufgeregt über meine Arme.

Ich versuche ja wirklich, mich locker zu machen, aber falls wir zu den drei Prozent gehören, dann … dann gibt das eine riesige Sauerei.

Ich meine, nicht dass mein Kopf jetzt so groß wäre, aber wenn ich mir vorstelle, wie wir ins Baumeln geraten und die Wand dann immer näher -

Das hilft mir jetzt nicht weiter.

„Bereit?“

Und dann ist es mit mir vorbei. Mein Kopf fängt an, unkontrolliert hin und her zu zucken, und meine Stimme hört sich ungewohnt panisch an. „Nein. Nein. Nein, wirklich nicht! Nein!“

Scheiß auf den Jungen da hinten.

Ich will das nicht.

Ganz und gar nicht!

Ich will nicht als zerplatzte Wassermelone enden!

Mein Herz pocht mir gegen meinen Hals, meine Beine zittern, die Tannen hinter Lance verschwimmen. „Lance, wirklich, ich will -“

Zu spät. Es ist zu spät.

O mein Gott.

O mein Gott.

Nein! … Nein!

Lance hat sein ganzes Gewicht zur Seite verlagert. Mein Oberkörper wird nach vorn gezogen, mein Magen schiebt sich nach oben, ich sehe das blinkende, rote Lämpchen der GoPro-Kamera an seinem Handgelenk und … ich sehe schwarz.

 

Mein ganzer Körper zittert. Selbst jetzt, zehn Minuten später, während ich auf meine hochgelagerten Beine starre.

Anscheinend bin ich ganze zwei Mal ohnmächtig geworden. Einmal beim Runterstürzen und dann wieder beim Hochsausen.

Ganz ehrlich, eigentlich bin ich froh, dass ich nicht wirklich was mitgekriegt habe. So oder so könnte ich nun jedem erzählen, dass ich einmal von einem Staudamm gesprungen bin. Und zwar vom gleichen wie Pierce Brosnan. Es reiht sich somit perfekt in die Liste meiner bisherigen Abenteuer ein.

Als Lance und ich uns vor anderthalb Jahren kennengelernt haben, hat er mich auf dem falschen Fuß erwischt. Dieser Fuß hatte sich nämlich auf einem Tisch im Whitbys, unserer Stammkneipe in London, befunden. Was natürlich ein absoluter Ausnahmezustand war, denn ich war sturzbetrunken.

Auf alle Fälle hatten wir auf die Beförderung meiner lieben Freundin Sophie angestoßen und wie es der Zufall so wollte, saß Lance an genau dem Tisch und feierte seine offizielle Ernennung zum Zahnarzt. Oder, wie er es mir an dem Abend erklärte: Tiefseehöhlentaucher, Klippenspringer und Eiswandkletterer. Lance liebte alles, was irgendwie extrem und adrenalintreibend war und ich fand das großartig.

Ehrlich.

Dieses Lächeln, diese Augen, seine Wangenknochen und die Fähigkeit, mir innerhalb von zwei Minuten Karies zu diagnostizieren.

Es war Liebe auf das sechste Glas.

Er hatte mich mit seiner Begeisterung so angesteckt, dass ich noch in derselben Woche mit ihm zusammen auf seiner Harley durch London gefahren bin. (Nicht, dass ich Angst vor einer Harley hätte. Nur ist der Verkehr in einer Großstadt nicht wirklich beruhigend.)

In Lance’ Umgebung lege ich also ziemlich alle Eigenschaften ab, die ich eigentlich von mir gewohnt bin: Ich bin weder schüchtern noch zurückhaltend, zögerlich oder heikel. Ich habe sogar Trüffel gegessen (und fand es einfach nur fürchterlich, allerdings hatte er sich solche Mühe gegeben und ich konnte es ihm einfach nicht beichten).

Tja. Und plötzlich war ich in einer Beziehung mit einem Kerl, der so aktiv wie ein Flohzirkus ist.

Ich habe selten Zeit gehabt, mir ernsthafte Gedanken über die Unterschiede zwischen uns zu machen. Denn irgendwie schafft er es immer wieder, mich davon zu überzeugen, dass Gegensätze etwas Tolles sind. Bereichernd zum Beispiel.

Mit Ausnahme von der jetzigen Situation, versteht sich. Ich habe wirklich keinen Schimmer, was an einem Bungee-Jump bereichernd sein soll.

 

*

 

„Augen auf.“ 

Ich blinzle.

Ach du lieber Gott.  

Bin ich im falschen Film?

Vor meinen Füßen erstreckt sich ein Pfad aus roten und weißen Rosen, der zu einem gedeckten Tisch in der Mitte des Wohnzimmers führt. Im Kamin knistert ein gemütliches Feuer, und die restlichen Kerzen auf dem Tisch werfen tänzelnde Schatten auf … Ich kann es nicht fassen.

„Du trägst eine Krawatte.“ Mir klappt der Mund auf.

Lance trägt nie Krawatten, weil er sich dann wie ein Hund an einer Leine fühlt. Ich würde sogar behaupten, dass die unifarbene Zahnarztuniform das Formellste ist, das er besitzt.

„Ich dachte, es wäre der Situation angemessen. Hier.“ Er drückt mir ein Glas Champagner in die Hand und lässt sein eigenes gegen meines klirren. „Auf die verrückteste, aufgeschlossenste Frau, der ich je begegnet bin.“

Fast automatisch hebe ich meine Hand. „Auf sie. Mögest du ihr bald begegnen.“

Er grinst und präsentiert strahlende Zähne. Dann kommt er in die Gänge, eilt zum Tisch und rückt mir meinen Stuhl zurecht.

Ich weiß, ich sollte nicht stutzig sein, aber … irgendetwas ist hier komisch.

Nicht, dass er mir nicht zwischendurch Stühle zurechtrücken würde.

Das tut er schon.

Aber Lance ist nicht … also eigentlich überhaupt nicht romantisch.

Was für mich okay ist! Wirklich.

Romantik wird ja generell völlig überbewertet. Diese künstliche Fantasie, die uns Hollywood in Filmen praktisch aufzwingt, ist ja sowieso nicht echt.

Zumindest habe ich in meinem Leben noch nie einen Mann getroffen, der ständig Händchen hält und einem die losen Haare aus dem Gesicht streicht. Was ich mir auch höchst unangenehm vorstelle, so ständig eine Hand im Gesicht zu haben.

Lance nimmt einen kräftigen Schluck Champagner und greift dann zu dem kleinen Teller in der Mitte des Tisches. Er streckt sich herüber und hält mir ein kleines Toastquadrat unter die Nase. „Das ist Oona-Kaviar. Echter Schweizer Alpenkaviar.“

„Wow“, sage ich. „Das ist …“

… irgendwie furchtbar. Ich glotze in hundert Augen und hunderte glotzen zurück.

„Das ist exotisch“, sage ich dann. „Nur bin ich nicht so ganz sicher, ob ich das essen sollte. Wegen meines Magens, meine ich.“

„Oh.“ Für einen Moment wirkt Lance unsicher, schiebt sich das kleine Stück dann aber kurzerhand in den Mund. „Aber den Tartar versuchst du, oder?“

Kauend deutet er auf das rote Quadrat, welches ich nun in die Hand nehme. Ich schenke ihm ein Lächeln und esse den Toast in einem Stück.

Tartar ist kein Problem. Man kann sich ja nicht darin spiegeln.

„Ich hoffe, du wirst den Hauptgang mögen.“ Lance leckt sich den Finger ab, ehe er aufsteht und in der kleinen Küche verschwindet. „Die Schweizer lieben es.“

Und die Japaner. Und die Asiaten. Und grundsätzlich alle, die die Schweiz besuchen und Käse mögen.

Eins muss ich Lance wirklich lassen: Wenn er sich konzentriert, sieht er unglaublich sexy aus. Mit den zusammengezogenen Augenbrauen und dem seriösen Ausdruck im Gesicht. Auch wenn er nur Käse redet.

Ich meine: von Käse.

Von Käse.

Vielleicht hätte ich das Brot nicht so lange in den Schnaps tunken sollen.

„Sue, ich habe dir noch etwas Wichtiges zu sagen.“ Lance räuspert sich und ich schaue von einer zerknüllten Rosenblüte auf. Der Champagner ist mittlerweile einer Flasche Rotwein gewichen.

Mit leicht geröteten Wangen greift er über den Tisch hinweg meine Hand. „Ich habe noch nie zuvor eine solche Frau wie dich getroffen.“

Ich grinse dümmlich. „Ich auch nicht.“

„Und ich denke … ich denke wirklich, dass es auch keine andere gibt, die so ist wie du. Das wurde mir in den letzten Tagen wieder klar. Wenn du eifersüchtig bist … das ist süß.“

Na ja, süß ist jetzt irgendwie … aber egal.

„Und du bist heute mit mir von einem Staudamm gesprungen!“ Er greift feierlich nach seinem Glas und hebt es zu meinen Ehren. „Du bist abenteuerlustig, intelligent und klug …“

Moment mal.

„… witzig, interessierst dich für Sport … Du bist praktisch all das, was ich an einer Frau liebe.“

Jetzt steht er auch noch auf.

Ach herrje.

Der wird doch jetzt nicht …

Doch.

Er tut es.

„Eigentlich hatte ich ja vor, dich während des Sprungs zu fragen, aber da du ohnmächtig geworden bist …“ Lance stellt das Glas zur Seite, nestelt an einer kleinen Box herum, und kniet sich kurzum vor mich hin.

„Willst du mich heiraten, Sue Watson?“

Ach du heilige Scheiße.

 

 

1

Ein Monat zuvor

 

„Miss Watson!“

Der Kugelschreiber fällt mir vor lauter Schreck aus der Hand und landet klappernd auf dem Tisch.

Mr Cliffson und der Rest des Teams starren mich an.

„Ja?“

„Die Frage, die ich Ihnen soeben gestellt habe. Beantworten Sie die heute noch oder sollen wir Ihnen fünf Minuten Bedenkzeit geben, damit Sie ausführlich darüber nachdenken können?“ Obwohl Mr Cliffsons Gesicht keine Regung zeigt, weiß ich, dass er sauer ist.

„Nein! Nein, natürlich nicht, entschuldigen Sie bitte“, antworte ich schnell und merke, wie mir das Blut in den Kopf schießt. „Die Frage, die Sie … also …“

„Ob Professor Dawson den Vertrag bereits retourniert hat!“ Spucke fliegt auf den Sitzungstisch.

Mr Cliffson versucht, seine Augenbrauen hochzuziehen, was aber aufgrund des ganzen Botox und der Solariumbräune ein etwas merkwürdiges Bild ergibt.

Ich weiß, ich sollte nicht lachen. Das wäre unhöflich. Aber Mr Cliffson macht es einem wirklich schwer.

Sich mit ihm auseinanderzusetzen, ist eine sehr skurrile Angelegenheit. Er ist sechzig, eigensinnig, rechthaberisch, unglaublich altmodisch, trägt täglich Foulards und Mokassins. Außerdem hat er eine innige Beziehung zu seinem Nasenspray.

„Den Vertrag, nein“, antworte ich sinngemäß und erinnere mich still und leise an die Kernaufgabe meines Jobs: Verträge. Nicht das Verfassen: der Versand.

Natürlich nicht nur das.

Neben dem Erstellen von positiven Rückmeldungen an Autoren, ist es allerdings das Einzige, das mich wirklich glücklich macht. Es signalisiert den Start einer Beziehung, die nicht nur Geld, sondern auch Freude und Erfolg für alle Beteiligten bringt.

Und natürlich auch für die Menschheit.

Denn wer könnte ohne Buchhaltung in 15 Stunden und Spaß am ökologischen Denken schon beruhigt einschlafen?

Als ich vor zwei Jahren bei Cliffson Publishing angefangen habe, ist das mein Triumph gewesen – ich hatte beide Füße in der Verlagsbranche, wenn auch nur als allgemeine Assistentin. Leider blieb es mir bisher verwehrt, mich in der Coverabteilung kreativ auszuleben, denn meine Aufmerksamkeit wird lediglich bei administrativen Arbeiten gewünscht. Zwischendurch ist es mir zwar möglich, ein Korrektorat oder Lektorat zu übernehmen, allerdings sind die Texte so dermaßen langweilig und sachlich, dass es mir echt schwerfällt, bei der Sache zu bleiben.

Clarice jedoch, Mr Cliffsons Assistentin, hat den Jackpot geknackt. Sie darf ihm nicht nur beinahe wöchentlich ein neues Nasenspray kaufen, nein, sie darf auch seinen ganzen Posteingang ausdrucken. Und ich meine wirklich den ganzen. Inklusive Spam. Weil Spam ja auch Nachrichten sind, die gelesen werden möchten. Kein Witz.

Clarice nimmt das mit einem unbekümmerten Schulterzucken hin. Meiner Theorie nach macht es ihr nur nichts aus, weil sie fast sechzig ist und das Papier sie an die gute alte Zeit erinnert. (Ich meine jetzt nicht nur das druckbare Papier, sondern auch das gerollte zum Rauchen. Echt jetzt, wenn man Clarice nicht sehen würde, dächte man ernsthaft, man rede mit einem Kerl.)

Und doch, Clarice und Mr Cliffson harmonieren in einer Form, wie ich oder jemand anders es in unserem kleinen Verlag nicht könnte.

Selbst die Koordination seiner Putzfrau zu übernehmen, kümmert sie nicht. Oder ihm ständig Kaffee und Tee zu bringen. Seine privaten Anrufe entgegenzunehmen. Seine Nachrichten und Antwortschreiben via Diktafon zu protokollieren. Seinen Tacker nachzufüllen, weil er nicht weiß, wie man ihn öffnen kann …

„… nach dem letzten Projekt für eine Weile zurückziehen werde.“ Mr Cliffsons Stimme schnalzt sich in mein Bewusstsein.

Verdammt, jetzt habe ich wieder nicht zugehört. Seine Stimme ist zwischendurch dermaßen monoton, dass ich andauernd in eine Art Trance falle.

Ich bin jedoch nicht die Einzige, die etwas irritiert aus der Wäsche guckt.

„Bei dieser Entscheidung handelt es sich um eine Privatangelegenheit.“ Mr Cliffson nestelt in seiner Anzugtasche herum, bis er sein Nasenspray findet.

Während ich ihm dabei zusehe, stelle ich mir die Frage, ob er wohl davon abhängig geworden ist, sein Gehirn geschädigt hat und jetzt in eine Entzugsklinik irgendwo auf den Seychellen zusammen mit Juan (seinem Liebhaber) muss.

Ich habe Juan noch nie gesehen, auch nicht auf Fotos. Aber Mr Cliffson hat generell keine eingerahmten Erinnerungen rumstehen. Nicht einmal von seinem Sohn. Was ich etwas komisch finde, aber seit ich Mr Cliffson kenne, ist es … nun ja. Eigentlich nicht überraschend.

Mr Cliffson hat eine Ehe geführt, aus der ein Sohn hervorging, doch um die vierzig hat er erkannt, dass er schwul ist, und seine Familie von einem Tag auf den anderen für einen Mann verlassen.

Das aber ist die inoffizielle Version.

Die offizielle Version beinhaltet ein „natürliches“ Scheitern einer Ehe, die in viel zu jungen Jahren geschlossen wurde. Es ist ein absolutes Tabuthema bei Cliffson Publishing und nichts, was man infrage stellen müsste – Mr Cliffson ist mittlerweile so offensichtlich schwul, dass niemand je irgendwelche Zweifel daran hegen würde.

Nicht, dass ich irgendetwas gegen Schwule hätte – ganz im Gegenteil. Ich habe nur etwas gegen diese Person.

„Während dieser Zeit wird mich mein Sohn vertreten.“

Oh. Wenn man vom Teufel spricht. Jetzt horche ich auf.

„Er war Jahres- und Klassenbester in seinem Marketingstudium in Bath. Denken Sie auf keinen Fall, dass Sie hier machen können, was Sie wollen.“ Schon wieder fliegt Spucke in hohem Bogen durch die Luft. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie sich Marcy langsam in Sicherheit zurücklehnt. „Respektieren Sie ihn genauso, wie Sie mich respektieren, folgen Sie seinen Anweisungen und unterstützen Sie ihn. Er ist nicht minder zielstrebig oder organisiert, als ich es bin.“

Ich glaube, ich sollte den Tisch abwischen.

 

Nachdem ich an diesem Abend nach Hause gekommen bin, meine Tasche in die eine und meine Schuhe in die andere Ecke gepfeffert habe, bleibe ich kurz stehen, um meine Gelenke zu strecken.

Heiße Sommertage sind jeweils die schlimmsten in London: Die öffentlichen Verkehrsmittel sind brechend voll und die Fahrt in der U-Bahn verbringt man meistens in der Achsel eines Fremden.

Ich öffne die Knöpfe meiner Bluse, streife mir den zerknitterten Stoff über die Schultern und werfe das Stück kurzerhand auf den überfüllten Wäschekorb im Schlafzimmer. Als ich am Knopf meiner Hose nestle, halte ich abrupt inne.

Aus der Küche, die geradewegs den Gang runter liegt, sind dumpfe Geräusche zu hören.

O Gott. Habe ich etwa einen Einbrecher in meiner Wohnung?

Vorsichtig strecke ich meinen Kopf in den Flur.

Die Tür zur Küche ist angelehnt. Und das, obwohl ich ziemlich sicher bin, dass ich sie heute Morgen geschlossen hatte.

Ach herrje.

Ich spüre, wie sich mein Körper augenblicklich verspannt. In solchen Situationen halte ich es meist für angebrachter, weder zu atmen noch mich zu bewegen. Auf jeden Fall nichts, was irgendwelche Aufmerksamkeit auf mich ziehen könnte.

Denn seien wir mal ehrlich: Einbrecher sind nicht mit einem Gummiband bewaffnet.

Also versuche ich, meine Gehirnzellen zu logischen Überlegungen zu forcieren: Wenn es ein Einbrecher ist, dann muss er durch die Gartentür in meine Küche gelangt sein.

Und anhand des Geräuschs zerspringenden Geschirrs, hat er es auf meine Küchenausstattung abgesehen.

Möglichst unauffällig fasse ich nach dem Schirmständer neben mir um die Ecke, taste mich voran, und greife schlussendlich nach einem … Knirps.

Na gut.

Ein Taschenschirm kann durchaus … einschüchternd sein.

Irgendwie.

Ein Knacken aus dem Schlafzimmer.

Ich schrecke zusammen, mein Kopf schnellt herum, der Dielenboden unter meinen Füßen knarzt und ich starre zwei gelben Augen entgegen. Mit Erleichterung stelle ich fest, dass sich Sir Louie, mein fetter Kater, unter dem Bett versteckt hat.

Aus der Küche drängen nun gedämpfte Flüche und ich erachte dies als meine Chance: Möglichst behutsam setze ich mich in Bewegung, versuche, die knarrenden Dielen nicht zu berühren, und komme schlussendlich vor der Tür zum Stehen. Im BH, offener Hose und kleinem Schirm in der Hand.

Im Inneren der Küche poltert es schon wieder.

Und jetzt?

Soll ich vielleicht die Küche stürmen und irgendetwas schreien? Irgendwas wie … Hände hoch?

Nein, das ist lächerlich. Ich meine, was, wenn er eine Waffe hat? Dann kann er ja schlecht …

Verdammte Scheiße.

Was, wenn er eine Waffe hat?

Bin ich denn komplett wahnsinnig?!

Total verstört blicke ich auf meine offene Hose.

Ich sehe ja aus wie ein … Ich sollte mich vielleicht zuerst umziehen. Wie würde denn sonst die Schlagzeile lauten? „Frau mit offener Hose rücksichtslos in eigener Küche ermordet“ oder „Junge Frau tot in Richmond vorgefunden - selbst die Spitzenunterwäsche konnte sie nicht retten“.

Und gleich darunter würde pietätlose Werbung für Unterwäsche gedruckt werden …

Nein. Beruhig dich.

Das wird nicht geschehen. Als ob ich hier sterben würde. Ich muss nur den Überraschungseffekt nutzen. Genau.

Kartons rutschen auf dem Küchenboden umher und jetzt kommt Bewegung ins Spiel. Immer lauter werdende Schritte steuern auf die Tür zu.

Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen, halte den Knirps über meinen Kopf und umfasse ihn wie ein Baseballschläger.

Da, die Tür bewegt sich – jetzt oder nie! Ich lege mein ganzes Gewicht nach vorn und stürme unter lautem Geschrei in die Küche. Ich höre, wie etwas rumst, knackt und dann auf den Boden poltert.

Von Euphorie übermannt, blicke ich auf die zusammengekauerte Gestalt vor mir, auf die blonden Haare und die farbigen Armbänder, die …

Sekunde.

„Lance?!“

„Ja! Ja ich bin’s, bitte!“ Lance hebt eine Hand zu seinem Schutz und presst die andere gegen seine blutende Nase.

Ach herrje.

Völlig entgeistert lasse ich den Schirm in meiner Hand sinken. „Was machst du denn hier?“

Ich bin ob des Anblicks, der sich mir bietet, so perplex, dass ich ihm nicht einmal ein Taschentuch reichen kann. Meine halbe Kücheneinrichtung befindet sich in Kartonschachteln. Die Schränke stehen offen, Türme aus Tupperware stapeln sich auf der Anrichte und meine Pfannen liegen in einer Box mit der Aufschrift Abfall.

„Ich wollte dich überraschen.“ Lance zieht ein Küchentuch zu sich und presst es sich auf die Nase.

„Ich dachte, du wärst ein Einbrecher!“

„Schon gut. Bin wohl selbst schuld.“

Ich reiche ihm die Hand und bringe ihn mit Mühe wieder auf die Füße. Dann stehen wir dort und ich fange wegen der peinlichen Stille an, mit dem Schirm zu spielen.

„Wolltest du mich etwa mit dem Ding verprügeln?“ Lance deutet zweifelnd auf meine Hand.

„Den kann man ausfahren“, sage ich und drücke auf den Knopf.

Zum Glück hat Lance so tolle Reflexe. Sonst hätte ich ihm gleich noch eine reingehauen.

„Sehr bedrohlich, Frau im BH.“

Ich schenke ihm ein neckisches Lächeln und lege den Schirm auf dem Weg ins Schlafzimmer zur Seite. „Also, wieso wolltest du meine Küche ausrauben?“

Lance folgt mir. „Ich dachte, es würde weniger Arbeit für den Umzug anfallen, wenn ich schon mal anfange zu packen.“

„Umzug?“ Ich halte im Innern meines Kleiderschrankes inne. „Was für ein Umzug?“

„Den hier.“

Ich zucke zusammen, als Lance mir plötzlich eine Broschüre vor die Nase hält.

„Was ist das?“

„Da ziehen wir hin.“

Ich brauche einige Sekunden, bis ich realisiere, was er gerade gesagt hat. Und trotzdem verstehe ich kein Wort.

„Die Wohnung liegt in Chelsea“, erklärt Lance, als er mein fragendes Gesicht sieht. „Ich habe sie heute Morgen gekauft.“

„Gekauft?“ Mir fällt die Kinnlade runter. „Wie, gekauft?“

„Indem ich den Kaufvertrag heute Morgen unterzeichnet habe“, sagt Lance, ehe sein Lächeln Verwunderung weicht. „Wieso bist du so geschockt? Wir haben doch darüber gesprochen?“

„Ja schon, aber …“ Ich streiche mir fahrig über die Stirn. „Ich habe nur nicht erwartet, dass es so schnell geht.“

Eigentlich habe ich so an ein Jahr gedacht. Und an keine zwei Wochen.

„James in der Praxis hat mich auf das Inserat aufmerksam gemacht. Die Wohnung ist … Hier, schau.“ Er nimmt mir die Broschüre aus den Händen und klappt sie auf. „Sie verfügt über zwei Stockwerke, zwei Badezimmer, zwei Schlafzimmer und ein Büro, alles klar? Darüber hinaus einen Balkon, ein riesiges Wohnzimmer mit offener Küche und sie liegt perfekt für unsere Jobs. Dein Arbeitsweg wird sich um die Hälfte reduzieren. Die Hälfte! Und nur wenige Minuten weiter liegt ein Park mit einem großen Spielplatz und einer Rennbahn.“

Lance sprüht nur so von Begeisterung. Und damit meine ich nicht unbedingt das Blut, das ihm noch immer aus der Nase tropft.

„Das hört sich … wunderbar an“, sage ich dann und muss gestehen, dass die computergenerierten Bilder vor mir wirklich nicht schlecht aussehen. Trotzdem hege ich leichte Zweifel. „Findest du es nicht etwas … na ja. Zu überstürzt?“

 „Wieso sollten wir warten, Sue? Wir bezahlen doppelt Miete und sind sowieso fast jeden zweiten Abend zusammen. Außerdem glaube ich kaum“, Lance hebt Sir Louie, der um unsere Beine streicht, hoch, „dass Fat Louie etwas dagegen hat.“

Ich schmunzle. „Sofern er sich unter einem Bett verkriechen kann, ist er glücklich.“

„Und sofern du dich in meinem verkriechst, bin ich glücklich.“ Lance drückt mir einen Kuss auf. „Also, was sagst du?“

Ich überschlage kurz die wenigen Vor- und Nachteile, die sich in meinem Kopf zusammenfinden. Natürlich hat er recht, was die Miete betrifft. Und wir sind wohl beide an dem Punkt angelangt, an dem man früher oder später zusammenzieht. Das ist ja normal. Abgesehen davon hätten wir mehr Platz, womöglich ständig warmes Wasser, kürzere Arbeitswege, die Gegend ist bestimmt auch etwas ruhiger …

„Der Verkäufer hat gesagt, dass Marc Wyer die Wohnung neben uns gekauft hat.“

… und wir würden neben Marc Wyer wohnen.

„Oh.“ Ich wirke bemüht unbeteiligt. „Okay.“

Gut, das ist kein richtiger Vorteil. Auch nichts, das meine Entscheidung beeinflusst. Das wäre ja lächerlich.

Marc Wyer ist nur der zurzeit angesagteste Theaterdarsteller im West End. Sophie und ich versuchen schon seit Wochen, an Tickets für Ramseys Boot zu kommen, haben aber nie Glück.

Trotzdem.

Absolut kein Punkt, der zu berücksichtigen wäre.

„Komm schon, Babe. Zieh mit mir zusammen.“

Ich blicke hoch in Lance’ blaue Augen und auf das wenige, trockene Blut oberhalb seiner, zu einem Grinsen verzogenen, Lippe und ein wohliges Prickeln überkommt mich. „Na gut. Aber das Verpacken der Küche überlässt du mir!“

 

 

2

Eigentlich überrascht es mich jedes Mal aufs Neue, dass unsere Computer keine komischen Verbindungsgeräusche von sich geben, so anno 1996. Oder dass noch keiner dabei eingeschlafen ist, während er darauf gewartet hat, mit der Arbeit beginnen zu können.

Ich versuche, ein Gähnen zu unterdrücken.

Es ist Montagmorgen und ich habe zwei Tage Ausmisten hinter mir. Dabei war ich echt überrascht, was sich alles in den Jahren ansammeln kann. Alte Klamotten zum Beispiel. Wie die Schuluniform aus meiner Kindheit, die so einige grausame Erinnerungen zurückbringt.

Endlich wechselt der Monitor die Farbe und mein Posteingang ploppt auf. Entschlossen öffne ich eine neue E-Mail, adressiere sie an Mum und schreibe ihr kurz wegen des Umzugs.

Die Sache mit meiner Mutter ist nämlich die: Sie ist unglaublich begeisterungsfähig. Zu begeisterungsfähig für meinen Geschmack. Während ich zu viel überlege, handelt sie sehr intuitiv. Und da ich keinen Überfall riskieren möchte, schicke ich ihr einfach eine kurze E-Mail, die sie dann in ein, zwei Wochen sehen wird, da sie sich bis dann nicht ans Passwort erinnern wird.

Tolle Idee.

Ich drücke auf Senden und schließe meinen Posteingang, als ich auf Gekicher aufmerksam werde. Ein Blick auf Clarice’ Tisch gegenüber zeigt, dass sie nicht an ihrem Platz ist.

Also schiebe ich meinen Stuhl zurück und gehe ins Großraumbüro, das durch eine Glasscheibe von unserer Ecke abgetrennt ist.

Wenn Mr Cliffson im Büro ist, herrscht hier normalerweise eiserne Stille, doch jetzt sitzt Marcy neben Emilia auf einem Tisch, Josh versucht, zerknülltes Papier in einen Eimer zu werfen und Stu reißt gerade eine Packung Brezeln auf. Der Einzige, der zu arbeiten scheint, ist Liem.

„Was macht ihr denn da?“

„O Sue!“ Marcy rutscht vom Tisch und greift nach einem roten Becher. „Hier, der ist für dich.“

Mit glänzenden Augen stößt sie ihren Becher gegen meinen und fängt an, den Inhalt in einem Schuss runterzukippen.

Ich rieche am Getränk und rümpfe die Nase.

„Betrinkt ihr euch etwa?“, frage ich verwundert.

„Betrinken.“ Josh grölt auf und wirft Liem ein zerknülltes Papier auf den Tisch. „Hast du gehört, Sue hat gefragt, ob wir uns betrinken.“

„Das tut ihr ja auch“, sagt Liem mit starrer Miene und gibt dem Papierknäuel einen Schubs, sodass es vom Tisch rollt.

„Wir stoßen nur auf die Freiheit an“, erklärt Emilia.

Abgesehen von Lance kenne ich keine Person, die so viele Armbänder besitzt wie Emilia. Ihre Arme sind mit Eintrittsbändern der verschiedensten Festivals in ganz Großbritannien geschmückt. Ich warte auf den Tag, an dem ihre Arme zugeschnürt sind und sie irgendwo anders weitermachen muss.

„Ja, die Atmosphäre hier ist so friedlich.“ Marcy lallt ein wenig und schaut mit ihrer Hornbrille total verpeilt aus. Verpeilter als sonst, meine ich.

„Dann ist sicherlich Clarice hier irgendwo, oder?“, frage ich.

„Wenn du Clarice suchst, solltest du in Cliffsons Büro gehen“, schlägt Stu vor, schenkt sich frischen Wein nach und schaut mich provozierend an. „Das heißt, wenn du mit der Wahrheit umgehen kannst.“

„Wahrheit?“

„Die tiefsten Wasser sind die dunkelsten“, haucht Marcy.

„Doch nicht so“, stöhnt Liem von seinem Platz. „Die stillsten Wasser sind die tiefsten.“

„Eigentlich heißt es ja nur: Stille Wasser sind tief“, bemerkt Emilia.

„Aber in der Tiefe liegt auch die Dunkelheit, also -“

„Egal, wenn du Clarice suchst, schau im Büro nach“, unterbricht Stu Marcy und wirft einen irritierenden Blick in die Runde. „Echt, Leute, hört auf, mit Floskeln um euch zu werfen.“

„Weißt du wann Cliffson Junior hier antanzt?“

Ein Papierknäuel fliegt durch die Luft und prallt an meiner Schulter ab. „Äh … nein.“

„Er heißt nicht Cliffson Junior“, sagt Liem, den Kopf hinter seinem Bildschirm vergraben. „Er hat den Namen seiner Mutter angenommen.“

„Oh, schau an, er hat Hirn“, lobt Josh und zerknüllt ein weiteres Blatt Papier.

„Im Gegensatz zu anderen Individuen, ja.“

Ich mag Liem. Ich weiß zwar nie so recht, wann er Spaß macht und wann nicht, aber so unterm Strich mag ich ihn.

Gerade als Josh Liem ein riesiges Stück Papier an den Kopf werfen will, klingelt es an der Eingangstür. Ich werfe einen Blick auf die Uhr an der Wand und sacke innerlich zusammen.

„Das ist Ernie mit der Post“, trällert Emilia und zwinkert mir zu.

„Ja, Sue. Hast du noch genügend Platz für mehr Pralinen?“

Ich verdrehe die Augen und komme trottend in Bewegung.

Ich weiß nicht, was Ernie an mir findet. Oder woher er die vielen Pralinen hat, die sich mittlerweile in einer Ecke meines Tisches türmen.

Es ist ja eigentlich ganz schmeichelnd, wenn jemand ständig mit einem ausgehen will, aber … nun ja. Ernie ist jetzt nicht so mein … also, er ist jetzt eher so …

Schmierig. Da.

Ich sage es zwar ungern, aber Ernie ist schmierig.

Und er riecht ganz stark nach einem billigen Aftershave, das mich ständig an Mr Cliffson erinnert.

Ich habe zwar schon unzählige Male versucht, Ernie klarzumachen, dass ich einen Freund habe, aber irgendwie will er es nicht begreifen. Irgendwie kommt es bei ihm einfach nicht an.

Es sei denn …

Hm. So eine dumme Idee ist das eigentlich gar nicht.

Sekunde.

Ich stehe hinter der Tür, die in den Flur zum Lift führt, und versuche, den billigen Topshop-Schmuck von meinem rechten Ringfinger auf den linken zu stülpen.

Es klingelt ein weiteres Mal, diesmal länger.

Schnell ein letzter, prüfender Blick auf meine Hand, bevor ich meine Schultern selbstbewusst zurückschiebe und die Tür mit Schwung öffne. Wenn das nicht hilft, dann weiß ich auch nicht weiter.

Für einen Moment bin ich so damit beschäftigt, meine Hand möglichst sichtbar auf den Türrahmen zu legen, dass mir gar nicht auffällt, wer davor steht. Erst als keine Reaktion folgt, realisiere ich, dass es nicht Ernie ist.

„Oh. Kann ich Ihnen helfen?“, frage ich verdutzt.

Der Mann starrt, mit tiefen Furchen auf der Stirn und mit Sonnenbrille im Gesicht, auf das Handy in seiner Hand und scheint mich überhaupt nicht wahrzunehmen.

Gerade als ich mich frage, ob ich vielleicht zu leise gesprochen habe, hebt er endlich den Kopf. Wenn auch nur für eine flüchtige Sekunde. „Du kannst mich reinlassen.“

Erstaunt hebe ich die Brauen. „Das kommt ganz darauf an, wer Sie sind?“

Endlich steckt er das Handy weg. „Gehst du etwa so mit euren Autoren um?“

Ich möchte gerade antworten, als er fortfährt. „Wenn ich einer wäre, würde ich zusehen, dass du deinen Job als Türöffner loswirst. Darf ich mal?“

Und dann schiebt er mich zur Seite.

Einfach so.

Ganz lässig, um eintreten zu können.

Ich bin so perplex, dass ich mich für einen Moment nicht rühren kann. Die Tür fällt langsam neben mir zu, und endlich bin ich fähig, mich umzudrehen. „Entschuldigung, wer sind Sie und wer gibt Ihnen die Erlaubnis, hier einfach so -?“

„Mein Vater.“

Der Mann bleibt mit dem Rücken zu mir stehen und nimmt die Sonnenbrille ab. Dann dreht er sich zu mir um – und mein Herz bleibt stehen.

Nein.

Das … niemals.

„Und du darfst mich gerne bei meinem Vornamen nennen.“

Das … kann nicht wahr sein.

Es gibt nur einen Menschen, der so strahlend blaue Augen hat. Einen Menschen, den ich nur unter speziellen Bedingungen wiedersehen will. Unter den von mir vorbereiteten, perfekten Bedingungen.

Nach meinem Drehbuch. Unter meiner Regie.

Aber nicht so. Nicht jetzt.

Ich bin überhaupt nicht bereit dafür.

„Es sei denn du hast ihn vergessen, was mich allerdings überraschen würde.“ Er bleibt vor mir stehen und schaut mir mit einem schrägen Grinsen prüfend in die Augen. „Ich könnte wetten, du hast dein ganzes Tagebuch damit vollgeschrieben.“

Er ist es. Kein Zweifel.

Die Grübchen. Die Augen.

Der Albtraum meiner Jugendjahre.

Das personifizierte Übel meiner Kindheit.

Cliffson Junior ist Rup aus der Grundschule.

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